Sophie Lange. Foto: Katrin Oberländer

Alte Matronentempel, wilde Frauenfeste, Widerstand in der Gemeinde – nie hätte sich Sophie Lange träumen lassen, was sie in der Eifel erwartete. Ein Portät

Nettersheim. „Jetzt liege ich hier im Bett“, sagt Sophie Lange (Jg. 1936) und lacht leise. Allmählich muss sie kürzer treten und ruht sich einen Augenblick aus. Dann kommt sie ins Wohnzimmer und beginnt zu erzählen:

Eigentlich war das alles gar nicht vorgesehen. Als Sophie Lange mit ihrem Mann 1962 in die Eifel kam, sollte es nicht für lange sein. Die Kinder wurden geboren, sie zog es zurück in den Aachener Raum, wo ihre Familie sie unterstützen konnte. Doch ihr Mann wollte bleiben, und so blieb auch sie – und fand ihre Bestimmung. „Der Mensch dachte, die Matronen lachten“, sagt sie heute darüber und lacht selbst mit.

Die Landschaft hat sie gehalten

Dass sie darüber lachen kann, verdankt die gebürtige Aachenerin der weiten Landschaft um Nettersheim in der Nordeifel, die so weich und fraulich ist. „Das sind alles Busenberge“, zitiert sie eine Freundin. Matronenland, Land der guten Göttinnen. Und Lange wurde zur Matronenforscherin und zur Vorreiterin der Frauengeschichte in der Region Nordeifel. 2007 erhielt sie dafür den Margaretha-Linnery-Preis als Frau des Jahres im Kreis Euskirchen. Doch bis dahin war es ein weiter Weg für die gelernte Bankkauffrau.

Ausgerechnet zwei Männer gaben den Anstoß: der Pfarrer in Marmagen und der Heimatforscher Friedrich Jacob Schruff. Er gab ihr den entscheidenden Hinweis auf den Matronentempel in Nettersheim, die Görresburg. Dann kam eines zum anderen. Lange fand beim Kölner Frauengeschichtsverein den ersten Hinweis auf die Geschichte der Matronen. Sie arbeitete sich durch Archive, schluckte Staub, hustete und machte weiter. Sie suchte und fand alte Matronenplätze, mal mit Landkarte, mal intuitiv. Und sie fing an zu schreiben über Eifler Frauen, Sagen, Mythen, Bräuche und natürlich die Matronen.

Weite Landschaft um Nettersheim. Foto: Katrin Oberländer
Weite Landschaft um Nettersheim. Foto: Katrin Oberländer

Die Prophetin gilt wenig im eigenen Dorf

Ihr Buch „Wo Göttinnen das Land beschützten: Matronen und ihre Kultplätze zwischen Eifel und Rhein“ machte 1994 die Matronen überregional bekannt – und auch Sophie Lange. Sie hielt Vorträge und Exkursionen zu den Matronenplätzen. Sie schrieb für Ausstellungen wie 1997 „SIE und ER. Frauenmacht und Männerherrschaft im Kulturvergleich“ im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum. 1999 würdigte der Landschaftsverband Rheinland sie mit dem Rheinlandtaler für ihre Forschungen zur Regionalgeschichte.

Doch nicht überall wurde sie für ihren Einsatz anerkannt. Manche Eifler im Dorf nahmen sie nicht ernst. „Frau Lange, was machen die Matronen?“, hieß es dann. Vielleicht waren manchen auch die Frauen, die auf der Görresburg sangen, tanzten und lachten, unheimlich, die den Baum schmückten zum Mai und Äpfel oder Blumen hinterließen. Vielleicht hätten manche lieber alles fein gemäht gesehen. Ohne Zweifel: Sophie Lange hat die Menschen zu den Matronen und ihren Plätzen gebracht. Manchmal wurde ihr selbst unheimlich.

Sie hat viel bewirkt

Und sie hat gekämpft für das, was sie gepackt hatte. In Pesch verhinderte sie mit ihren Mitstreitern, dass am Matronentempel die Bäume gefällt werden. Es schwingt Stolz mit, wenn sie sich an den Förster erinnert, der sagte: „ Frau Lange, wir lassen sie stehen, allein damit Sie uns nicht weiter nerven.“ Auch gegen den Holzkubus, den die Gemeinde Nettersheim auf der Görresburg errichten wollte, hat sie erfolgreich Widerstand geleistet. „Da war im Dorf richtig was los“, erzählt sie. Beim archäologischen Landschaftspark ist ihr die Luft ausgegangen. Die Gemeinde will die Region vermarkten, Lange ist der Eingriff zu stark.

Heute beschäftigt sie die Frage, wer das Material, das sie in Jahrzehnten gesammelt hat, übernehmen und zugänglich machen wird. Wie es auf der Görresburg weitergeht, bekommt sie kaum mehr mit. Zu beschwerlich ist der Weg geworden. Zweimal noch hat sie sich mit Frauen dort getroffen: „Wir haben getanzt, wir haben gesungen wie wild. Und auf einmal kommt da so ein Schwarm Vögel. Das waren doch sehr schöne Erlebnisse da“, erinnert sie sich und weiß wieder: Es war nicht umsonst. Sie hat viel bewirkt. Dafür haben die Matronen gesorgt. Jetzt ruht sie sich aus. (ko)

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