Matronenstein in Nettersheim. Foto: Katrin Oberländer

Sophie Lange ist Heimatforscherin und Geschichtenerzählerin. Mit ihrem Buch „Wo Göttinnen das Land beschützten – Matronen und ihre Kultplätze zwischen Eifel und Rhein“ hat sie Matronengeschichte und -geschichten weit über die Eifel hinaus bekannt gemacht. Im Interview spricht sie über Mythen, Märchen und Matronen und ihren Ort in der Eifler Natur.

Was sind für Sie Märchen, Sagen, Mythen?

Sagen sind für mich ganz klar, wo ein realer Hintergrund ist. Ich rede von einem Ort, da ist mal irgendwas passiert, oder auch Brauchtum. Und nachher hat man das dann als Sage immer weiter ausgebaut. Es ist viel einfacher, Sagen zu sammeln. Man kann da hinfahren.

Bei Märchen ist das auch so zum Teil. Aber da bleibt auch immer dieses Geheimnisvolle. Zwischen Märchen und Mythen würde ich keinen großen Unterschied sehen. Mythen sind eben da, wo die Märchen ein bisschen geheimnisvoller sind und mehr in die Natur gehen. Märchen sind mehr mit Menschen, Mythen sind mehr mit den Nicht-Lebenden.

Die großen Göttergestalten und so etwas? – Ja.

Die sich aber auch häufig benehmen wie Menschen. – Jaja.

Das Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren, darin soll die Großmutter ja eigentlich die große Göttin sein. Das sind immer so Verbindungen, die wir schlecht beweisen können. Das gilt ja auch für die Plätze. Man weiß oder man fühlt, dass die Plätze uns was sagen, aber wir haben verlernt, damit umzugehen. Das ist das Schwierige.

Brauchen wir heute noch Mythen?

Die Kinder haben heute etwas anderes, wie heißt das denn, das mit den Ringen?

Herr der Ringe?

Ja. Damit kann ich überhaupt nichts anfangen, muss ich sagen. Aber die Kinder, die brauchen heute andere Märchen. Jede Zeit braucht andere Märchen. Die Märchen leben, aber nicht in unserer alten Form. Die Kinder hören Märchen immer gerne, auch wenn die so schön erzählt werden, da sind sie immer ganz begeistert. Aber wo sie dann wirklich so mitgehen, das sind doch die neuen Filme. Bei den Matronen ist das auch so, das geht immer in Wellen, wie bei den Märchen. Aber es ist ja nicht, dass sie ganz weg sind.

Brauchen wir heute noch Göttinnen wie die Matronen?

Schon. Es gibt eine Reihe Göttinnen, wie die Frau Holle zum Beispiel, die werden Sie in den Märchen ja überall finden.

Was bedeuten die Matronen heute?

Das sind gute Göttinnen. Ja, es ist schon so die Macht der Frauen oder die Einigkeit der Frauen. Es ist ja so heute, viele Frauen wollen von der Kirche nichts mehr wissen. Wir suchen, wir sind auf Suche, das war immer so. Was inzwischen passiert ist, man hat heute so eine Art Mischreligion, man nimmt was vom Buddhismus, man nimmt von den alten Heiden was mit, man nimmt auch von der Kirche mit. Maria wird ja immer sehr verehrt. Und ich denke, da sucht man eigentlich, was man bei der Kirche nicht findet. Und da kommen die Matronen ins Spiel. Auf der Görresburg [Matronentempel in Nettersheim] kommt so vieles zusammen, durch den Platz, durch die Stille da. Ich denke, es gibt schon vielen was. Viele können auch gar nichts damit anfangen.

Maria in Nettersheim, Eifel. Foto: Katrin Oberländer
Maria in Nettersheim, Eifel. Foto: Katrin Oberländer

Warum haben Sie die Matronengeschichten gesammelt?

Einmal wollte ich schon für mich das alles wissen. Und ich bin auch überall hingefahren und habe die Plätze gesucht und gesucht. Obwohl ich sie meistens intuitiv fand. Da hab meine Landkarten, alles weggetan. Dann war es auch, dass ich sie bekannt machen wollte. Dass die Frauen auch sahen, es gab schon immer so etwas, und wir Frauen haben auch was zu sagen und nicht nur Vater oder Vaterunser hier. Wie ich mich so richtig damit befasst habe, das war schon Leidenschaft. Da war ich überhaupt nicht zu bremsen. Doch Herzbeschwerden ließen mich kürzer treten.

Entwickelt sich ein neuer Umgang mit den Plätzen?

Ja, schon. Also ich denke an die Frauengruppen. Es ist viel gesungen worden, viel getanzt worden und die Mutter Erde immer so wach gerufen. Da ist schon ein neuer Umgang, der aber doch in sehr kleinem Rahmen bleibt. An den Tempeln ist auch nicht nur Gutes passiert. Das wollte ich nicht anlocken mit meinem Buch. Ich habe immer gesagt, die Plätze regenerieren sich selbst. Das tun sie auch noch. Aber mit dem archäologischen Landschaftspark ist jetzt alles so touristisch irgendwie. Aber wenn ein Bekannter von mir sagt: Ich geh da nicht mehr hin, da gefällt es mir nicht mehr, dann ist das der verkehrte Weg. Wir müssen jetzt gerade hingehen.

Was können wir an den Plätzen tun?

Ja, jeder auf seine Weise. Ich komm dann hin und sag: Wie geht es dir? Ich bring ein paar Blumen mit, mach ein Kerzchen an. Also was für den Platz tun, einfach da hingehen. Mmh. Aber gut. Es kommen ja auch viele Kinder hin, so von der Schule. Ich hab auch viel mit Kindern gemacht. Es war fast immer so, dass mindestens einer oder zwei nachher kamen: Frau Lange, erzählen Sie mir das doch noch mal. Da hab ich gedacht: Für die lohnt es sich. Aber die Mädchen haben nicht so darauf reagiert. Bei den Führungen waren die Jungen eher interessiert, das muss ich sagen.

Was würden Sie sich und den Matronen heute wünschen?

Ja, also dass richtige Prozessionen noch mal dahinkommen, dass da richtig Leben ist. Obwohl ich die Stille da auch liebe. Aber es muss schon mal wieder was los sein. Schön wäre ja auch, da oben mal Märchen zu erzählen, so von den Juffern. Die sind ja ganz klar aus den Matronen erwachsen. Die drei Frauen nachher, die kommen ja überall in den Märchen vor.

Das Interview führte Katrin Oberländer am 05.01.2019 in Nettersheim.

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