World Storytelling Day. (C) Mats Rehnman

Die uralte Kunst mündlichen Erzählens lebt. Mit der Frühjahrestagundnachtgleiche beginnt eine Woche des Geschichtenerzählens rund um den Globus. Das Thema diesen Jahres sind Mythen, Epen und Legenden. Wann hat das Erzählen eigentlich angefangen?

Eine Feuerstelle am Eingang einer Höhle. Der Geruch von Rentierfleisch zieht um das Feuer. Eine Frau schabt an einem Stück Tierhaut. Eine andere bearbeitet den Stoßzahn eines Mammuts. Aus dem Elfenbein will sie eine Frauenfigur schnitzen, genauso üppig wie sie selbst, wenn sie an sich heruntersieht. Dabei summt sie. Ein Mann begleitet sie auf einer Flöte. Er hat sie aus dem Speichenknochen eines Gänsegeiers gefertigt. Ein anderer stellt eine Nähnadel aus Knochen her. Er erzählt von seiner Begegnung mit dem Mammut in der weiten Steppe. Die anderen hören zu, werfen etwas ein, bangen und hoffen mit.

So könnte es gewesen sein am Hohle Fels im Achtal am Rand der Schwäbischen Alb vor 40.000 Jahren. Die archäologische Forschung ist sich einig, dass der moderne Mensch Homo sapiens sapiens in der Altsteinzeit mit dem Sammeln und Jagen für die tägliche Versorgung nicht ausgelastet war. Er hatte noch Kapazitäten frei für Kunstobjekte oder Musik.

Hohlenstein-Stadel, Lonetal. Foto: Katrin Oberländer
Hohlenstein-Stadel, Lonetal, Schwäbische Alb. Foto: Katrin Oberländer

Spiel oder rituelle Praxis?

Ob figürliche Darstellungen wie die Frau vom Hohle Fels oder Musik aus Knochenflöten reine Freizeitbeschäftigung, mithin Spiel, waren oder einer weitergehenden rituellen Praxis dienten, ist dagegen umstritten. Forscher wie Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, sehen in Höhlenmalereien mit Mischwesen wie dem Löwenmenschen Hinweise darauf, dass der Mensch der Altsteinzeit Geschichten hinter den Dingen sah, mythische Elemente.

Schwer vorzustellen, dass Menschen am Feuer, die Kunstobjekte und Musik erschaffen, sich nicht auch Geschichten dazu erzählen. Nur dass Geschichten keine handfesten Zeugnisse hinterlassen. Sie werden mündlich weitergegeben, von Generation zu Generation, in stets neuer alter Form. Geschichten hinterlassen allenfalls unsichtbare Ablagerungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln der Menschen. Manche Geschichte schafft es bis zu ihrer Niederschrift in historischer Zeit wie die Odyssee, eines der ältesten und wirkmächtigsten Epen des Abendlandes.

Geschichtenerzählen als evolutionärer Vorteil

Der Literaturwissenschaftler Brian Boyd von der Universität Auckland, Neuseeland, sieht in Geschichten ebenso wie in Kunst und Musik Wege, Informationen zu Mustern zu ordnen. Geschichten ordnen soziale Informationen zu Mustern, die unser Gehirn schneller verarbeiten kann und die ihrerseits das Gehirn prägen. Unsere Fähigkeit, Geschichten zu genießen und auch zu erfinden, gleichsam als soziales Probehandeln, hält Boyd für einen evolutionären Vorteil des modernen Menschen. Geschichtenerzählen hält flexibel, um schnell auf sich verändernde Umstände zu reagieren. Die Odyssee ist für ihn eine Paradebeispiel, wie Geschichten dem Menschen sein Wesen und Handeln, seine Welt, erklären.

Epen wie die Odyssee fesseln ihr Publikum auch heute noch, ein Phänomen, dem am 14. März 2019 pünktlich vor dem Weltgeschichtentag eine Tagung an der Universität Köln unter dem Titel „Odyssee 2019“ nachgeht.

Die jahrtausendealte mündliche Erzählkultur dagegen war in vielen Industrieländern fast verloren gegangen. In den 1970er Jahren hat sie eine Wiederbelebung erfahren. Ausgehend von Schweden, Mexiko und Australien haben Geschichtenerzähler*innen weltweit 2004 den World Storytelling Day ins Leben gerufen, um die mündliche Erzählkunst zu feiern. Heute ist das Lagerfeuer global geworden. Menschen in aller Welt organisieren große und kleine Erzählveranstaltungen und knüpfen dabei Kontakte auch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. (ko)

Lagerfeuer. Foto: Gerwin Belling

Mehr zum World Storytelling Day mit Veranstaltungen in aller Welt:
http://www.globalstorytellingday.org/

Mehr zum Weltgeschichtentag mit Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum:
weltgeschichtentag.de

Mehr zur Tagung Odyssee 2019 an der Universität Köln:
Odyssee 2019: das antike Epos neu erzählt

Mehr zur Frau vom Hohle Fels und zur Eiszeitmusik:
Urgeschichtliches Museum Blaubeuren