Odyssee 2019. Zeichnung: Danica Zeuß

Bei der Tagung „Von Homer bis Assassin’s Creed – Spielarten (mit) der Odyssee“ am 14. März 2019 an der Universität Köln drehte sich alles um die Odyssee und ihre Rezeption in Kino, Comic, Roman und Videospiel. Im Zentrum stand eine Live-Erzählung des Epos durch das britische Erzählerduo Daniel Morden und Hugh Lupton.

10.30 Uhr: Universität Köln, Hauptgebäude, Hörsaal VIII: weiße Projektionsleinwand, grüne Tafel, Nadelfilzboden, ansteigende Stuhlreihen mit Schreibablage. In dem schmalen Bereich ganz unten: zwei Stühle, zwei Erzähler, zwei Stunden Zeit für die Odyssee. Wie soll das gehen?

10.35 Uhr: Ich bin restlos eingenommen von Hermes mit den geflügelten Sandalen, Paris mit dem Apfel und den drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite in ihrer nackten Schönheit. Natürlich wird Paris Aphrodite zur schönsten Göttin erklären und damit Heras und Athenes unversöhnlichen Zorn auf seine Heimatstadt Troja ziehen. Der Trojanische Krieg kann losgehen, zehn Jahre Gemetzel, Zerstörung, Plünderung. Sprechen die Erzähler wirklich Englisch?

Das Publikum ist in der Mitte zusammengerückt, vielleicht 40 Personen in dem Saal mit 188 Plätzen. Schade für diese außerordentliche Gelegenheit, die Odyssee so nah an ihrer ursprünglichen Vortragsform zu hören. In der griechischen Antike wurde sie von Sängern in Hexamterversen vorgetragen. Hugh Lupton aus Norfolk und Daniel Morden aus Wales sprechen englische Prosa. Doch wenn Odysseus auf seiner Irrfahrt von Troja mitunter „in den süßen Schlaf des Vergessens sinkt“, nutzen auch sie formelhafte Wendungen, auf denen sich Zuhörende wie Erzähler einen Augenblick ausruhen können. Lupton lässt Odysseus bei den Phäaken stranden und vor ihren König Alkinoos treten. Morden übernimmt: „Odysseus bin ich …“, und beginnt die Rückblende, ganz wie im Original.

Großes Kino ganz ohne Leinwand

Hautnah ist das Publikum dabei in der Höhle Polyphems. Wie der Kyklop den Schädel eines Gefährten des Odysseus an der Höhlendecke spaltet und das herausspritzende Blut und Hirn genussvoll verzehrt ist eines Splatterfilms würdig, ganz ohne Leinwand. Odysseus‘ Geltungssucht belustigt und verstört, als er der erfolgreichen List gegen Polyphem „wie ein Handwerker“ seinen Stempel aufdrücken muss und seinen Namen hinterherschreit. Der darauffolgende Fluch besiegelt das Schicksal seiner Gefährten. Mit leisem Humor erzählt Morden, wie eine Delegation seiner Männer Odysseus drängt, nach einem Jahr auf dem Lager der Zauberin Kirke doch endlich den Heimweg anzusteuern.

11.35 Uhr: Odysseus ist aus der Unterwelt zurückgekehrt, an den Sirenen vorbeigerudert und nach einer verhängnisvollen Rast als einziger Skylla und Charybdis entronnen. Endlich wird er bei den Phäaken gastlich aufgenommen: Zeit für eine Pause für Erzähler und Publikum.

In der Pause unterhalte ich mich mit Suna Niemetz. Sie und Regina Sommer vom Haus der Märchen und Geschichten, Aachen, haben gemeinsam mit Michael Kleu, wissenschaftlichem Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Geschichte, Universität Köln, die Tagung organisiert. Beim Thema Odyssee hat die Erzählerin Sommer sofort an ihre britischen Kollegen Morden und Lupton gedacht, die das Epos seit 15 Jahren als Duo vortragen, in ihrer ganz eigenen Erzählweise. Wie kann man überhaupt beschreiben, was Geschichtenerzählen ist?

Wie funktioniert Geschichtenerzählen?

Es ist definitiv kein Vorlesen. Die Erzähler sprechen frei. Mit nichts in der Hand füllen sie uns mit Abscheu oder lassen uns erleichtert aufatmen. Schauspiel, Theater ist es auch nicht. Es gibt keine Kostüme, keine Requisiten, keine Spielszenen, auch keine verteilten Rollen wie im Hörspiel. Es gibt einzig die Erzähler mit ihren Worten, ihrer Stimme, ihrer körperlichen Präsenz und Lebendigkeit, die sie der Geschichte leihen. Und im Fall des Erzählerduos Lupton und Morden zwei Erzählperspektiven, ganz wie im Original. Morden als Ich-Erzähler ist erschüttert, als Odysseus im Totenreich das Gesicht seiner Mutter sieht. Mit offensichtlichem Entsetzen verfolgt er, wie das Ungeheuer Skylla seine Gefährten verzehrt. Lupton führt mit spitzbübischem Lächeln als allwissender Erzähler Odysseus zu König Alkinoos und weiter.

11.45 Uhr: Im „süßen Schlaf des Vergessens“ wird Odysseus nach Hause geleitet und auf seiner Heimatinsel Ithaka sanft abgesetzt. Und zack, da ist sie wieder: die Materialisierung der Unsterblichen. Die Göttin Athene steht da mit blitzenden grauen Augen im weißen Dunst. Sie wird Odysseus helfen gegen die Freier, die seine Frau Penelope belagern und seinem Sohn Telemachos nach dem Leben trachten. Anweisungen gegeben und zack, Athene jagt in den Himmel davon. „Beam me up, Scotty!“, denke ich.

Actionfilm mit romantischen Einlagen

Doch nicht genug der Kontraste: Nach dem abschließenden Gemetzel an den Freiern tanzt Odysseus‘ alte Amme Eurykleia mit geschürztem Rock im knöcheltiefen Blut – dagegen nimmt sich eine Verfilmung wie Die Fahrten des Odysseus von 1954 beschaulich aus. Sogleich ruft Odysseus zur Werteordnung, zum Großreinemachen. Zuletzt steht der Wiedervereinigung mit seiner Frau Penelope nach 19 Jahren nichts mehr im Wege. Athene hält dazu den Sonnenlauf ein wenig auf. Happy End, natürlich.

12.35 Uhr: Applaus für zwei beeindruckende Erzähler und eine packende Geschichte, altbekannt und neu erlebt. So geht das also. (ko)

Mehr zur Tagung „Von Homer bis Assassin’s Creed – Spielarten (mit) der Odyssee: Erzählt – Gespielt – Gelesen – Diskutiert“

Mehr zur Antikenrezeption in Science Fiction, Horror und Fantasy in Michael Kleus Blog: fantastischeantike.de

Die Rezeption der Odyssee ist ebenfalls Thema einer Tagung der Universität Gießen, 4.‒6. April 2019: Space Oddities. Die homerische Irrfahrt in Bildkünsten und Populärkultur vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart

Bildnachweis: Odyssee 2019, Tagungsflyer. Zeichnung: Danica Zeuß