Shonaleigh Cumbers im Statenzaal in Zwolle. Foto: Katrin Oberländer

Die britische Geschichtenerzählerin Shonaleigh Cumbers wuchs in einer jüdischen Erzähltradition auf, die von Großmutter zu Enkelin weitergegeben wird. Sie bewahrt an die 3000 Geschichten aus der mündlichen Überlieferung in ihrem Gedächtnis. Am 23.03.2019 gab sie in Zwolle, Niederlande, zum Weltgeschichtentag einen Einblick, wie sie in ihrer Tradition Geschichten erzählt.

Zuerst zieht sie die Schuhe aus. Barfuß mit rosa lackierten Fußnägeln steht sie auf dem beige-braunen Teppichboden des neogotischen Statenzaals in Zwolle. Eine kurze Einführung, unvermittelt fängt sie an zu singen. Hebräische Wörter, es klingt wie eine Anrufung. Dann beginnt sie zu erzählen. Von dem Prinzen, der zu jedem Vollmond in einen Adler verwandelt wird und eines Tages eine Prinzessin raubt und schändet. Von der Prinzessin, die in ihrer Schande beschließt, den Prinzen zu heiraten, und ihm verbietet, sie zu berühren, bis der Fluch gebrochen ist. Nachts liegen sie nebeneinander und erzählen sich Geschichten: wie der Prinz in Adlergestalt zum ersten Mal ein Tier reißt. Oder welche Geschichte ihm als Junge Trost gibt. „Doch das ist eine andere Geschichte für ein anderes Mal.“

Fünf Sekunden Zwischenraum

Fällt dieser rituelle Satz, hat das Publikum fünf Sekunden Zeit, Shonaleigh Cumbers um die Geschichte zu bitten. Fünf Sekunden, um die Richtung des Erzählflusses umzulenken. Sonst geht es mit der nächsten Geschichte in der Geschichte weiter. Das Publikum folgt ihrer Einladung gerne und sagt im Chor: „Bitte erzähle uns die Geschichte, Shonaleigh.“ Und schon hebt sie an.

Shonaleigh Cumbers (oder Shanaleah Khymberg) ist eine Drut’syla (jiddisch Dertseyler), eine traditionelle jüdische Geschichtenerzählerin, und wenn das Publikum sie um eine Geschichte bittet, muss sie sie erzählen. Doch nicht irgendeine Geschichte: Shonaleigh Cumbers erzählt Geschichtenzyklen. Jeder Zyklus besteht aus Unterzyklen, die wiederum aus einzelnen Geschichten bestehen. Ihr Repertoire umfasst zwölf Zyklen, jeder mit mehreren hundert Geschichten, die wie ein Netz miteinander verwoben sind. Insgesamt sind es gut 3000 Geschichten, die sie seit ihrem vierten Lebensjahr in ihrem Körper gespeichert hat, nicht aufgeschrieben. Shonaleigh Cumbers hat eine ausgeprägte Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Vier Jahre für einen Zyklus

In Zwolle erzählt Shonaleigh Cumbers aus dem Zyklus The Ruby Tree. Von Freitag Abend bis Sonntag Mittag erzählt sie den ersten Teil im Rahmen eines Wochenendworkshops, den das Erzählzentrum De Verhalenboot anlässlich des Weltgeschichtentages organisiert hat. Bis 2022 soll der gesamte Zyklus in Zwolle erzählt werden. Bei der öffentlichen Vorstellung am Samstag Abend nimmt sie die Fäden des Nachmittags wieder auf:

Will er einmal König werden, muss ein Prinz zu einem Tiger in den Käfig steigen. Der Prinz läuft davon, bringt Schande über seinen Vater und sich selbst. Schließlich stellt er sich dem Tiger und bemerkt, dass er zahnlos ist. Der Vater hat den Weg des Sohnes die ganze Zeit über verfolgt. Fazit: „Du kannst dich vor deinen Eltern nicht verstecken.“ Doch bevor wir mehr von dem Prinzen erfahren, fällt der zweite rituelle Satz: „Davon gibt es mehr Geschichten, als ich heute Abend erzählen kann.“

Lebendes Kulturgut. Foto: Katrin Oberländer
Lebendes Kulturgut. Foto: Katrin Oberländer

Wieder hat das Publikum fünf Sekunden Zeit, Shonaleigh Cumbers um die Geschichte zu bitten. Und sie müsste sie erzählen. Doch dieser Satz enthält eine Warnung: Die Geschichte, die darauf folgt, führt weg vom ursprünglichen Erzählpfad, und es ist fraglich, ob er an diesem Abend noch einmal betreten wird. Denn jede Geschichte folgt ihrem eigenen Weg. Wer jetzt um die Geschichte bittet, hat leicht diejenigen gegen sich, die beim aktuellen Erzählstrang bleiben wollen.

Bewahrerin der Tradition

Fünf Sekunden sind um. Niemand hat sich getraut. Shonaleigh Cumbers geht weiter auf ihrem Pfad. Zu einer Geschichte wie aus 1001 Nacht von einem Wesir, der anstelle der begehrten Prinzessin eine Gibbon-Äffin heiratet. In seinem verdrehten Herzen hält er das Gibbon-Weibchen für die verzauberte Prinzessin und sorgt hingebungsvoll für sie bis zu ihrem Lebensende. Adler-Prinz und geraubte Prinzessin aus der Rahmengeschichte kommen sich derweil näher. Dabei fallen zwischen märchenhaften Motiven auffallend häufig Wörter wie Schande oder Scham. Erwartungen nicht erfüllt: Schande. Auch das ist wohl Teil der Tradition. Da schaffen Sätze wie: „So war das damals …“ eine wohltuende Distanz.

Shonaleigh Cumbers hat die Geschichtenzyklen von ihrer Großmutter Edith Marks gelernt, einer Geschichtenerzählerin im Dienst ihrer jüdischen Gemeinschaft in den Niederlanden vor dem Zweiten Weltkrieg. Als Holocaust-Überlebende hat sie ihre Geschichten nach Großbritannien mitgenommen. Shonaleigh Cumbers ist ihre Erbin und eine der letzten, die diese uralte jüdische Erzähltradition leben. (ko)

Mehr zu Shonaleigh Cumbers

Mehr zu De Verhalenboot in Zwolle

Mehr zum Weltgeschichtentag