Geschichten dienen der Gesellschaft. Foto: Katrin Oberländer

Geschichten berühren tief. Und Geschichtenerzähler*innen haben eine Aufgabe im sich verändernden Europa: Gemeinsam können sie den Blick öffnen und Verbindung schaffen.


Geschichten gehen tief

Was machen die Geschichten mit dir?

Die rühren mich total. Ich habe das ganz oft auch, wenn ich Leute begleite, dass ich dann irgendwie gerührt werde und so schlucken muss oder Tränen in den Augen habe. Das kommt, ja, das berührt mich sehr tief, ja.

Ja, und dann ist wieder Verbindung.

Ja! Ja, das begleitet. Ich finde das ab und zu auch ein bisschen unangenehm. Ich denke, oh, okay, das ist auch so. Ich habe eine andere Aufgabe, nicht Tränen in meinen Augen zu haben. Aber es ist auch halt so. Ja, das berührt mich dann, ja.

Ja, und für den Rest möchte ich dann noch gerne ein Statement machen, wenn es um das Erzählen an sich geht, so in den verschiedenen europäischen Ländern, auch wenn es um das Erzählen in Deutschland geht. Ich denke, dass es ganz wichtig ist, dass Erzähler sich auch mit der Gesellschaft in Verbindung stellen. Was mich manchmal noch nervt … Ich meine, da sind so viele Möglichkeiten. Es ist die Zeit für das Geschichtenerzählen jetzt mit diesem Europa, was sich so ändert. Auch diese großen Themen, die wir haben. Und gleichzeitig bemerke ich immer, dass Geschichtenerzähler auch sehr untereinander sind. Und ich wünsche mir so, dass wir uns auch zusammenschließen, dass wir Verbände gründen und irgendwie den Kontakt mit der Gesellschaft aufnehmen und mitmachen, aber dann auch wirklich mitmachen. Dieses Bedürfnis, das brauchen wir.

Mit Geschichten auf die Themen in der Gesellschaft reagieren

Ein Beispiel ist der Weltgeschichtentag. An sich finde ich das ganz toll, dass es einen Weltgeschichtentag gibt. Die Idee, dass an einem Tag, dem Tag, dass im Westen der Frühling den Anfang hat und im Osten Herbst, dass man an diesem Tag überall über die Welt Leute miteinander verbindet über das Erzählen. Das fängt in Australien an, endet in Amerika. Und was mich dann zum Beispiel nervt, dass ständig Themen gewählt werden, die für Erzähler interessant sind. Und dass dann auch meine meisten Kollegen begeistert darauf reagieren: „Oh ja, das passt ganz gut bei meinem Repertoire.“ Und da denke ich dann: Hallo, was fragt die Gesellschaft? 2015 war natürlich das Jahr mit den Flüchtlingen, nicht nur hier in Europa. Auch in Asien waren ganz viele Leute unterwegs, in Australien. Und dann ist da irgendein Thema gewählt, keine Ahnung, das war Drachen oder sowas. Ja, alle Erzähler waren damit beschäftigt. Und da denke ich, in der Welt passiert gerade etwas anderes.

Erzählen erfüllt eine Aufgabe. Foto: Katrin Oberländer
Erzählen erfüllt eine Aufgabe. Foto: Katrin Oberländer

Ja, und ich hoffe so, dass wir in den nächsten Jahren diesen Schritt machen, dass wir sagen: Ja, wir machen mit. Wir leisten unseren Beitrag. Europa ändert sich. Wir haben auf diesem Kontinent 2000 Jahre Krieg miteinander geführt. Jetzt werden wir eins, weil wir gesagt haben, das wollen wir nicht mehr. Da sind auch Leute, die sich dagegen wehren, für die irgendwie diese Geschichten vergangen sind. Wo sind wir als Erzähler? Was wollen wir beitragen? Und da haben wir eine Aufgabe, und da können wir etwas leisten, da können wir etwas zeigen. Das wünsche ich mir sehr. Das können wir nur zusammen.

Das finde ich eine wunderschöne Perspektive. Ich sage danke für das Gespräch.

Das Interview führte Katrin Oberländer am 04.04.2019 in der Akademie für Kulturelle Bildung, Remscheid. (ko)

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