Eine friedlichere Welt. Foto: Katrin Oberländer

Raymond den Boestert hat eine Mission: Geschichtenerzähler*innen ausbilden. Denn in Geschichten liegen Lösungen, die Klarheit für die Zukunft der Gesellschaft bringen können.

Verinnerlichen über Bilder

Wie bist du selbst zum Geschichtenerzählen gekommen?

Es gehört zu mir. Als Kind habe ich eigentlich immer schon in Geschichte, in Bildern gelebt. Als ich in der Schule war, konnte ich mich irgendwie nicht verständigen mit abstrakten Sachen wie Rechnen und Rechtschreibung. Mh, Zahlen hatten für mich keine Bedeutung, ich hatte kein Bild. Und dann bin ich auch innerlich abgehauen. Irgendwie habe ich in meinem Kopf meine eigene Geschichte gemacht. Aber hat der Lehrer oder die Lehrerin etwas unterrichtet, was ich sehen konnte, was ich verinnerlichen konnte über Bilder, dann war ich sehr präsent da. Und dann brauchte ich es auch nicht mehr zu wiederholen. Dann konnte ich auch selber damit arbeiten und mitnehmen und wiedergeben. Also, irgendwie hat es mich immer begleitet. Aber den Weg dahin, ein Erzähldozent zu werden, ein Geschichtenerzähler zu werden, ist ein langer Weg gewesen, ja.

Was würdest du wünschen, damit es leichter wird, damit mehr Menschen das tun können?

Na, dass es auch gefördert wird, zum Beispiel in Schulen. Dass es nicht so eine Sache ist, die man einmal pro Jahr nebenan macht. Dass Lehrer das auch vermitteln können. Ich finde es ganz wichtig, Leute auszubilden. Das ist auch der Grund, dass ich es selber so oft mache, ausbilden. Ich erzähle ganz gerne Geschichen. Aber irgendwann habe ich verstanden: Ja, ich kann vielleicht pro Jahr keine Ahnung wie viel, 1000 Leute erreichen, wenn ich selber Geschichten erzähle und unterwegs bin. Und wenn ich Leute ausbilde, dann können wir zusammen noch viel mehr Leute erreichen. Ich glaube, das Ausbilden von Leuten ist ganz wichtig. Sozialarbeiter, Lehrer, Pfarrer, keine Ahnung, Leute, die in Bibliotheken arbeiten, die sollen diesen Beruf, dieses Fach erlernen.

Verinnerlichen über Bilder. Foto: Katrin Oberländer
Verinnerlichen über Bilder. Foto: Katrin Oberländer

Es hört sich so ein bisschen an, als ob du eine Mission hättest.

Habe ich auch. Ja, ich glaube echt, dass Geschichten uns zu einer besseren und friedlicheren und gesunderen Welt leiten, weil es so mit dem Menschsein verbunden ist. Ich glaube wirklich, dass da ganz viele Lösungen liegen, um uns eine bestimmte Klarheit über die Zukunft zu bringen, um uns zusammen auf dem Weg zu helfen. Ja.

Gibt es irgendeine Geschichte, die du noch nie erzählt hast und gerne mal erzählen würdest?

Mh, im Moment nicht. Das hat auch damit zu tun, dass ich viel unterrichte und wenig noch selber erzähle. Aber ich hatte mal die Erfahrung, vielleicht hat jeder, der sich schon lange mit dem Erzählen beschäftigt, irgendwann die Erfahrung: Im Anfang, da sucht man sich Geschichten. Und irgendwann kippt das. Dann suchen die Geschichten die Geschichtenerzähler. Das ist eine krasse Erfahrung.

Die Geschichten finden ihre Erzähler*innen

Es gab mal eine Geschichte, die ich von einem niederländischen Geschichtenerzähler gehört hatte. Aber dann war ich noch ein Anfänger, und ich fand das eine ganz tolle Geschiche, aber irgendwie war es auch viel zu kompliziert für mich. Ich habe es nicht angerührt. Und dann genau in dem Moment, dass ich eigentlich keinen Raum hatte, um an einer neuen, großen, wichtigen Geschichte zu arbeiten ich war unglücklich in der Liebe, und ich habe mein Haus renoviert, also, da hat man keine Lust auf irgendeine große Aufgabe , da war ich in der Bibliothek, und dann stand da so ein Schränkchen mit alten Büchern zu verkaufen, ein Euro. Und ohne nachzudenken habe ich da ein kleines Heft rausgenommen, und dann war die Geschichte da drin. Dann habe ich das gekauft für einen Euro.

Und dann habe ich bemerkt, ich muss es auch jetzt erzählen. Es hat ein bisschen gedrängelt. Und dann habe ich es irgendwie ganz frei bei einer bestimmten Gelegenheit [erzählt]. Ich habe es auch dazu gesagt, habe es so eingeleitet. Lacht. Die Leute fanden das ganz frisch. Ich bin nicht vorbereitet, ich habe es gerade nur gelesen, aber ich muss es loswerden. Und ja, dann kam natürlich der ganze Prozess, dass ich es dann wieder bearbeitet habe und verstanden und blabla. Aber ja, das kann dann passieren.

Auch Musiker*innen können erzählen

Musik erzählt Geschichten. Foto: Gerwin Belling
Musik erzählt Geschichten. Foto: Gerwin Belling

Ja, und ich wünsche mir nicht bestimmte Geschichten im Moment, die ich erzählen möchte. Aber was ich zum Beispiel noch gerne mehr entwickeln möchte, ist die Zusammenarbeit mit Musikern. Ich finde es eigentlich total uninteressant, wie es meistens gemacht wird, weil der Musiker dann im Dienst von dem Geschichtenerzähler ist. Der Geschichtenerzähler erzählt, und der Musiker folgt und bringt da die Atmosphäre in die Geschichte, die es schon gibt. Und ich finde es viel interessanter, die Geschichte tatsächlich zusammen zu erzählen. Das ab und zu auch der Musiker führt und der Geschichtenerzähler folgt. Und ich habe noch so Wünsche, mal richtig eine Band zu haben und mit vier Leuten gleichzeitig mal zu schauen, wie Klang und Töne und Wörter zusammenkommen.

So dass die Musiker nur über den Ton führen und dann der Erzähler wieder über die Worte?

Genau. Ja. Und vielleicht auch innerhalb einer Geschichte der Musiker eine andere Geschichte erzählt in Ton. Oder schon etwas irgendwie in Klang erwähnt, was noch nicht geschehen ist, wofür noch keine Wörter sind. Weil der Musiker natürlich auch ein allwissender Erzähler ist in dem Moment.

Geschichtenerzählen gehört zum Menschsein: Raymond den Boestert (1/3)

Es ist Zeit für das Geschichtenerzählen: Raymond den Boestert (3/3)