Raymond den Boestert. Foto: Lion van den Brand

Raymond den Boestert ist Geschichtenerzähler der ersten Stunde in den Niederlanden. Er hat die Vertelacademie in Utrecht mitgegründet und bildet auch in Deutschland Geschichtenerzähler aus an der Akademie für Kulturelle Bildung in Remscheid. Im Interview spricht er darüber, was Geschichtenerzählen besonders macht und welchen Beitrag Geschichtenerzähler*innen für die Gesellschaft leisten können.

Sprache ist zum Erzählen da

Raymond, du bist Geschichtenerzähler.‒ Genau.

Was ist deine persönliche Lieblingsgeschichte?

Lacht. Das wechselt auch ein bisschen. Mh. Eigentlich habe ich gar keine Lieblingsgeschichte. Ich habe Lust auf bestimmte Geschichten. Das war letzte Woche auch so. Da habe ich mir überlegt, was möchte ich bei der Erzählwanderung erzählen. Und dann dachte ich: Ja, ich habe Lust auf die Geschichte von dem Beerensammler. Und dann habe ich mich dafür entschieden.

Was fasziniert dich am Geschichtenerzählen? Was ist das Besondere für dich daran?

Für mich ist das Besondere der Kontakt zwischen Menschen. Es hat für mich so mit Verbindung zu tun, der wirklichen Verbindung. Ich denke, Geschichtenerzählen gehört zum Menschsein. Wir haben es immer gemacht, von dem aller frühesten Anfang. Ich denke sogar, dass der Mensch Sprache entwickelt hat, weil wir das Bedürfnis hatten, die Geschichten auszutauschen. Und das hat mein Interesse, weil es so zum Menschsein gehört. Und dass es auch jetzt immer noch funktioniert, dass es sogar sehr gut funktioniert in der heutigen Gesellschaft.

In der Welt eines anderen herumspazieren

Das sieht man auch an der ganzen Entwicklung, da wird schon gesprochen über die Renaissance des Erzählens. Das ist eine Entwicklung, die in Westeuropa ungefähr vor 25, 30 Jahr ihren Anfang genommen hat. Und das läuft auch parallel zu der ganzen Digitalisierung. Irgendwie fördert, löst das dieses Bedürfnis auch aus. Dass unsere Welt sich ändert, dass wir alles erreichen können, dass alles auch viel komplizierter geworden ist, dass wir uns ständig entscheiden müssen. Und Geschichten bringen Klarheit. Die bieten uns Richtung, die geben uns den Einblick in die Welt von einem anderen Menschen.

Auch im Moment der ganze Populismus, dass wir eigentlich so abgeschnitten sind von der Lebenswelt von anderen. Mein Computer weiß schon genau, was meine Meinung ist zu bestimmten Themen. Mein Computer zeigt mir andere Ergebnisse als dein Computer. Also ich komme gar nicht mehr in Berührung manchmal mit der Meinung und der Lebenswelt von anderen. Aber Geschichten öffnen uns diese Lebenswelt, da können wir vielleicht 30 Minuten oder 20 Minuten in der Welt von jemand anderem herumspazieren. Das gefällt mir.

Geschichtenerzählen gehört zum Menschsein. Foto: Gerwin Belling
Geschichten öffnen Welten.
Foto: Gerwin Belling

Würdest du sagen, dass Geschichten auch einen Dienst erweisen für eine Zivilgesellschaft, für ein Miteinander?

Das bin ich mir ziemlich sicher, ja. Das ist genau das Bedürfnis. Wenn ich an die Generation von meinen Großeltern denke, die haben in einer Kleinstadt gelebt. Und die Schwester meiner Oma, die wohnte um die Ecke, so alles war ganz nah. Diese Verbindung, dieses Familienverhältnis war auch ganz wirklich in der Nähe. Und jetzt ist das natürlich gar nicht mehr so, dass wir so miteinander leben. Aber wir haben immer noch dieses Bedürfnis, das suchen wir noch immer irgendwie. Das wird auch verlangt, die Gesellschaft fragt das auch, die Regierung fragt das auch, ist ständig auf der Suche nach Verbindung. Aber Geschichten machen das von sich selber aus.

Das ist eines ihrer Wesensmerkmale.‒ Genau. Dass sie Verbindung schaffen.

Geschichten teilen kann die gesellschaftliche Diskussion verändern

Geschichten öffnen den Blick für Missverständnisse. Foto: Katrin Oberländer
Geschichten öffnen den Blick für Missverständnisse.
Foto: Katrin Oberländer

Das verbindet Menschen. Und das sieht man dann auch. Ich mache jetzt ein Projekt mit Flüchtlingen. Und da bemerkt man das auch, wenn ich die Geschichte höre von Leuten. Es sind nicht unbedingt die Geschichten von, wie sie hierher geflüchtet sind. Aber es sind so die Geschichten von ihrer ersten Zeit im Westen, die ersten Begegnungen, die ersten Missverständnisse, das erste Suchen. Und dann denke ich, wenn wir diese Geschichten miteinander teilen, dann wird das ganze Diskutieren über dieses Thema so anders sein, weil die Geschichten uns so viel zeigen.

Und die Verbundenheit untereinander auch eine ganz andere ist.

Genau. Da bin ich mir sicher, dass es Leute verbindet. Auch Leute, die eine Meinung zu diesem Thema haben, dass wir Hunderttausende Leute in Europa dazubekommen haben in den letzten Jahren. Ich denke echt, dass die Geschichten da ganz viel öffnen.

Bildnachweis Titel: Lion van den Brand

Geschichten leiten zu einer friedlicheren Welt: Raymond den Boestert (2/3)

Es ist Zeit für das Geschichtenerzählen: Raymond den Boestert (3/3)