Grimms Märchen waren wunderbar und grausig. Foto: Gerwin Belling

Mythen, Märchen und Geschichten regen nicht nur Kinder an. Mit ihrer Lebensnähe faszinieren sie auch noch Erwachsene.

Wie bist du zu den Mythen gekommen?

Ich habe immer sehr gerne gelesen. Und ich hatte schon früh als Kind die Märchen von den Brüdern Grimm. Ich fand die wunderbar und grausig. Manchmal sah ich alle möglichen Monster unter meinem Bett. Aber ich fand die auch faszinierend. Und dann später im Studium bin ich auf die alten Mythen gestoßen. Die sind so schön, die Mythen von Theseus mit dem roten Faden der Ariadne und dem Stierkampf. Und ich fand es alles eine verzauberte Welt. Später im Theologiestudium hatten wir dann die Mythologisierung und die Entmythologisierung, und dann kam das Ganze noch mal in einer anderen Weise. Und danach in meinem Lernprozess in Rütte bei Graf Dürckheim [an der Existential-psychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte in Todtmoos-Rütte; Anm. d. Red.], da waren die Mythen auch sehr wichtig. Die wurden da erzählt und gedeutet, und ich hab mich spezialisiert in Mythen- und Märchendeutung als Schwerpunkt. Ja, das ist immer sehr wichtig geblieben bei mir. Es ist ein alter Faden in meinem Leben.

Und ich habe sehr gerne erzählt immer. Ich habe mehrere Jahre im Schuldienst gearbeitet. Da habe ich den Kindern immer Geschichten erzählt, nicht vorgelesen, sondern erzählt. Das ist was ganz Besonderes, dieser Kontakt zwischen mir und den Kindern. Ich fand das bezaubernd. Die rückten dann immer ganz nah. Im Winter die Vorhänge zu, Kerzchen an und erzählen, wunderbar. Und ich denke, das tut Kindern gut. Schöne Geschichten erzählen, das ist so wichtig. Es regt die Fantasie an. Sie kommen mit Gestalten in Kontakt, die sie sonst nie sehen würden, ihnen nie begegnen würden.

Erzählen schafft einen Kontakt von Seele zu Seele

Was ist das Besondere an dem Erzählen? Du sagst ja auch: so was ganz Besonderes.

Ja, ich finde, dann ist ein direkter Kontakt, für mich von Seele zu Seele. Die Seele der Kinder, die öffnet sich ganz weit, wenn jemand gut erzählt. Und ich kann gut erzählen. Und die Kinder haben es geliebt. Sie waren völlig weg in dieser neuen Zauberwelt, die da aufgerufen wurde.

Erzählst du auch Erwachsenen oder nur den Kleinen?

Auch Erwachsenen, ja, wenn es geht. In unseren Gottesdienstes habe ich das natürlich auch getan. Das ist dann was anderes, aber im Grunde genommen ist es dasselbe. Die großen Menschheitsgeschichten aus unterschiedlichen Traditionen kommen dann noch mal in einer neuen Weise.

Ist das ein Unterschied für dich, ob du Kindern oder Erwachsenen erzählst?

Ja, bei Kindern genieße ich das völlig Offene. Die stürzen sich einfach rein in die Geschichte. Bei Erwachsenen, wenn’s gut geht, ist das auch so. Und das finde ich auch wunderbar. Aber Kinder haben diesen speziellen Reiz, den sie nun einfach haben. Bei Erwachsenen dauert es manchmal ein bisschen länger, bis sie drin sind.

Drei Eckern. Foto: Katrin Oberländer
Geschichten regen die Fantasie an. Foto: Katrin Oberländer

Mythen sind echt statt langweilig

Märchen sind ja bei Grimm zum Teil grausam. Und in den Mythen machen die Götter, was sie zu tun haben, mal besser, mal schlechter. Die sind ja ethisch gleichberechtigt, würde ich mal sagen. Da ist alles. Die sind ja nicht eine bestimmte …

Ne, weil das Leben auch so ist. Es gibt kein Leben, was nur gut ist. Und es gibt kein Leben, was nur schlecht ist. Es ist immer eine Mischung. Und das Höchste, was für meine Begriffe ein Mensch erreichen kann, ist, dass das Gute vielleicht ein bisschen mehr ist als das Schlechte oder hantierbarer, so. Aber es ist immer grau, es ist nie schwarz oder weiß. Und die Märchen und Mythen sind es auch nie.

Sie sind echt.

Sie sind echt. Sonst würden sie auch die Jahrhunderte nicht überdauert haben.

Also diese Echtheit macht es, dass sie uns heute noch faszinieren?

Ja, weil, wenn das alles nur gut wäre, dann wäre es ja stinklangweilig.

Gäbe es einen Mythos oder ein Märchen, das du gerne noch einmal erzählen würdest?

Ja, vielleicht der Mythos von Theseus mit dem roten Faden der Ariadne.

Das Gespräch führte Katrin Oberländer am 16.04.2019 in Heerlen. (ko)

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