Marie Claire Vogt. Foto: Katrin Oberländer

Die Franziskanerin Marie-Claire Vogt ist ihren ganz eigenen Weg gegangen von der katholischen Kirche zu einer universellen Religion. Herzstück ihres Lebenswerks ist Temenos, Zentrum für Initiatisches Wachsen in Süd-Limburg, Niederlande. Ein Porträt

In leuchtendem Frühlingsblütenrosa empfängt sie mich in Heerlen an der Bushaltestelle. In ihrer Wohnung hoch oben, auf Augenhöhe mit den Vögeln, trinken wir einen Kaffee. Marie-Claire Vogt (Jg. 1940) blickt wach und gesammelt. Auch mit leichtem Tremor ist sie noch zupackend und geradeheraus.

„Ich bin eine Sucherin“, sagt sie von sich selbst. „Und ich habe immer das gefunden, was für mich zu dem Zeitpunkt eine Antwort war.“ Aufgewachsen in der traditionellen katholischen Kirche in den Niederlanden lernt sie im Studium die antiken Mythen kennen. Sie studiert Theologie in den Zeiten der Entmythologisierung. Doch auch das esoterische Christentum, die Gnosis, wird ihr wichtig.

Mit Mitte 30 will sie mehr, will über Träume, inneres Erleben sprechen. Bei Graf Dürckheim und Maria Hippius an der Existential-psychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte in Todtmoos-Rütte findet sie wieder eine Antwort. Sie lässt sich ausbilden in Initiatischer Therapie, Mythen- und Märchendeutung gemeinsam mit dem Franziskaner Piet Kragtwijk. Und nun? Was tun mit dem neu erlernten Können?

„Wenn ich selbst koche, kann ich nicht übers Essen meckern.“

Ich sehe noch die Gemeinschaftsküche in Temenos in Nijswiller vor mir. Jede kochte selbst, keine festen Essenszeiten, keine verordnete Tischgemeinschaft. Mal frühstückte ich mit Rita, Heinz und ihrem Eierköpfer. Mal löffelte ich meinen Hirsebrei für mich allein. Immer fühlte ich mich frei, dabei zu sein oder für mich, in jedem Fall gleich willkommen. Eine eigenartige, weil einzigartige Atmosphäre.

Anemone. Foto: Katrin Oberländer
Eine eigene Form. Foto: Katrin Oberländer

Eine eigene Form ist es geworden, wie in Rütte und doch ganz anders, weniger formell vielleicht, lockerer. „Wir sind ja schließlich Niederländer“, sagt Marie-Claire Vogt mit einem Augenzwinkern. Was als Idee auf einer Zugfahrt von Nijmegen nach Rotterdam beginnt, entwickelt sich lebenderweise. Graf Dürckheim und Maria Hippius steuern Zuspruch und Kontakte zu Interessenten bei, Freunde und Bekannte Möbel und Einrichtungshilfe für den ersten Sitz des Zentrums im Schloss in Nijswiller, Süd-Limburg. 1983 nimmt Temenos, Zentrum für Initiatisches Wachsen, seine Arbeit auf, ein deutschsprachiges Zentrum in den Niederlanden.

„Zuhause denke ich über das Leben nach. Hier lebe ich.

Kursteilnehmerin

Im holzgetäfelten Schlosssaal aus dem 18. Jahrhundert leiten Marie-Claire Vogt und Piet Kragtwijk Meditation und Tanz, gestalten Kurse und Sonntagsfeiern, immer mit den großen Menschheitsgeschichten aus allen Kulturen. Handfest und lebenspraktisch soll es sein, keine Spinnerei. Eine Sommerwoche ist mir in Erinnerung geblieben mit abendlicher Trauminkubation und morgendlicher Traumdeutung. Danach hatte ich meinen Arbeitsauftrag für zu Hause klar. Ein Förderverein unterstützt Temenos. In 32 Jahren muss niemand aus finanziellen Gründen abgewiesen werden, erzählt Marie-Claire Vogt mit sichtlichem Stolz.

„Wenn’s innerlich stimmt, fügt sich das Äußere“

Dieser Satz, mit dem Graf Dürckheim schon Marie-Claire Vogts und Piet Kragjtwijks Zweifeln begegnet, ob ihr Zentrum trotz wenig Geld wohl gelingen würde, bewahrheitet sich auch 2005. Ein Ortswechsel steht an. Es findet sich ein Haus in Epen, das nach 22 Jahren gemeinsam mit den Gästen im Schloss endlich eine abgeschlossene Privatsphäre bietet. Für die Gäste geht es zum Kurs jetzt auf Wanderwegen durch die Wiesen, nach Feierabend zum Imbiss vorne an der Straßenecke.

In der umgebauten Garage findet ein kleineres Programm statt. Sonntagsfeiern dürfen natürlich nicht fehlen – und die große Küche. Beim spirituellen Schreiben stellt Marie-Claire Vogt die Frage: „Was ist das Kostbarste, was dir jemand je geschenkt hat?“ Ihre Antwort ist klar: die Erfahrung der Gottheit als immenser Kraft im Universum. „Sie erfüllt mich, und sie hüllt mich ein. Und ich bin mit ihr, mit dieser Gottheit, unverbrechlich verbunden.“ Diese Erfahrung ist tragend in ihrem Leben.

In die Freiheit entlassen

Ebenfalls tragend ist das Netzwerk aus Freunden und Bekannten, das bleibt, als Marie-Claire Vogt und Piet Kragjtwijk 2015 entscheiden, nach 32 Jahren Temenos in Epen zu schließen und in Seniorenwohnungen umzuziehen. Die Sonntagsfeiern führen sie weiter. Doch an eine Nachfolge denken sie nicht. Schließlich haben die Tausende Menschen, die im Laufe der Jahre zu ihnen gekommen sind, genug Erfahrungen gesammelt, um etwas Eigenes aufzumachen. „Wenn die Seele selbst ja sagt, das ist wie ein Zauber. Dann kommt manchmal was von außen“, macht Marie-Claire Vogt Mut und beschreibt ihren eigenen Weg. (ko)

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