Apfelblüte. Foto: Katrin Oberländer

Mythen und Märchen ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Im Interview erzählt Marie-Claire Vogt, Mitgründerin und -leiterin von Temenos, Zentrum für Initiatisches Wachsen in Süd-Limburg, Niederlande, was Mythen so faszinierend macht und wie wir sie heute immer noch leben, ganz selbstverständlich.

Marie-Claire, du hast dich viel mit Geschichten und Mythen beschäftigt im Laufe deines Lebens. Was ist eigentlich dein Lieblingsmythos?

Ich denke mal, von Paris und den drei Schönheiten mit den Äpfeln der Hesperiden. Das finde ich sehr schön. (…) Und ein anderer Mythos, den ich auch sehr schön finde, ist von Daphnis und Chloe, zwei jungen Hirten. Die hatten sich ineinander verliebt, wussten aber nicht, wie’s ging mit dem Sex. Sie hatten ein bisschen herumexperimentiert, und das klappte gar nicht. Da war Daphnis sehr traurig. Und dann kam da eine Göttin verkleidet als alte weise Frau, die hat ihn angeschaut und gesagt: „Warum bist du so traurig?“ Er hat ihr sein Herz ausgeschüttet, und sie hat gesagt: „Da kann ich dir helfen.“ Und dann war sie plötzlich nicht mehr so eine alte Frau, sondern eine erwachsene Frau und hat ihm gezeigt, wie’s geht. Und er durfte üben, bis er’s konnte, und ging dann zurück zu Chloe. Sie haben sich dann heiß und innig geliebt und waren nun glücklich miteinander bis an ihr Lebensende. Was will der Mensch noch mehr?

Mythen sind handfest und lebenspraktisch

Was begeistert dich so daran? Ich sehe das Strahlen.

Ja, ich finde das so rührend. Die waren bestimmt noch sehr jung und ja, so was kann passieren. Und es ist gut, wenn dann eine weise erwachsene Frau dabei ist, die’s ihm beibringt.

Also was ganz Lebensfreundliches, Lebenspraktisches ist das.

Ja, genau, fand ich auch. Den mag ich eigentlich noch mehr als den von Paris und dem Liebesapfel.

Wozu, würdest du denn sagen, brauchen wir heute noch Mythen?

Ja, ich denke schon. Mythen nicht im Sinne von lange her, aus dem Altertum. Ich denke, es gibt heute auch noch Mythen. Zum Beispiel jetzt der Mythos vom Frühling, wo alles wieder erwacht und die Leute sich freuen und rausgehen. Das ist ja eigentlich auch ein Mythos. Man kann ein paar Personen rein tun, und dann wär’s ein schöner Frühlingsmythos. Mann trifft Frau, Frau trifft Mann, Frau trifft Frau, Mann trifft Mann, in unseren Tagen, und freuen sich und lieben sich, und alles ist gut. Ja, und der Mythos von der Höhle, den gibt es ja auch noch. Wir alle wollen unsere Wohnungen, unsere Häuser kuschelig und bergend machen. Das ist eigentlich auch der Mythos vom Menschen, der Schutz sucht in der rauen Welt.

Tiefe Wahrheit in alter oder neuer Gestalt

Wie würdest du einen Mythos definieren?

Eine tiefe Wahrheit. Jeder Mensch braucht Schutz, braucht einen Ort, um sich zurückzuziehen und sicher zu sein. Und wenn dann Geschichten entstehen von Leuten, die nach langem Suchen irgendwo eine schöne Höhle finden, wo es auch noch warm ist, wenn’s draußen stürmt, dann ist das für mich ein schöner Mythos. Das ist der Mythos vom Heim, von dem sicheren Ort, den wir natürlich in uns selbst auch finden sollen. Aber auch draußen suchen.

Eine sichere Höhle. Foto: Gerwin Belling
Eine sichere Höhle. Foto: Gerwin Belling

Und der Mythos von ‒ was eigentlich Ostern ja auch ist ‒ Auferstehung, aber auch Neuwerdung. Ja, das hat natürlich mit Religion zu tun. Aber das hat auch damit zu tun, dass wir uns immer wieder neu aufraffen, wenn uns was passiert ist. Irgendwann kommen wir dann doch wieder auf die Beine und denken: Na ja, es war schlimm, aber ich hab’s überlebt, und jetzt weiter. Das ist eigentlich Ostern, abgesehen von der religiösen Bedeutung. Aber die echten Mythen haben immer mit Menschheitsthemen zu tun, mit Geburt zum Beispiel, mit Heiraten, Hochzeit, aber auch mit Sterben natürlich, mit Sich-Finden, Sich-Verlieren, Sich-neu-Finden. In dem Sinne ist es gut, wenn es schöne Geschichten gibt, die das genau beschreiben und worin wir uns wiedererkennen können. Das sind für mich Mythen. Und ich denke, die brauchen wir, sicher.

Und ob das jetzt alte Mythen oder neue wären …

… das ist egal. Ich hab irgendwann mal bei kleinen Kindern eine Geschichte erzählt, die sie alle wiedererkannten. Über ein kleines Katzenkind, was im Wald wohnte und seine Mutter verloren hatte, sich verlaufen hatte eigentlich. Und dann kam da ein kleines Kaninchen und hat mit dem Kätzchen gespielt. Und das Kätzchen hat geweint und gesagt: „Ich weiß nicht, wo ich heute Nacht hin soll.“ Das Kaninchen sagte: „Komm mit zu meiner Mama“, und hat das Kätzchen mitgenommen. Die Kaninchenmama hat die beiden Kleinen versorgt. Das Kätzchen musste dann allerdings Möhren essen, weil Kaninchen die nun mal gerne mögen. Davon war es nicht so ganz begeistert, aber gut. Und es durfte schlafen in der Kaninchenhöhle, ganz hinten drin, wo es ganz sicher war. Alle Kinder hatten diese Geschichte geliebt, weil sie sich erkannt haben. Alle Kinder wollen ja immer ganz sicher schlafen. Das ist auch durch die Evolution bedingt. Wer das nicht schaffte, der lebte am Morgen nicht mehr in der Vorzeit, als die Menschheit noch sehr jung war. Da gab es ja immer Raubtiere und so was, und Sicherheit in der Nacht ist ein ganz mythisches Ding. Das erkennen wir eigentlich alle.

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