Der Mythos von der Schatzsuche. Foto: Katrin Oberländer

Ob ein Mythos von Osiris oder Jesus erzählt, letztendlich erzählt er von jeder und jedem. Mythen öffnen den Blick für das, was größer ist als wir selbst.

Du sagtest eben: Ostern und dahinter auch der Mythos des Sich-Immer-wieder-Aufraffens. Und dann gibt es natürlich noch eine religiöse Seite. Braucht ein Mythos eigentlich diese religiöse Seite?

Die hat er schon. Ich denke, die haben die großen Mythen alle schon. Religiös nicht im Sinne von kirchlich, sondern im Sinne vom großen kosmischen Geheimnis, von der Gottheit, die weit weit entfernt ist von kirchlichen Riten und Einengungen, die einfach das alles übersteigt. Das ist in den großen Menschheitsgeschichten immer schon da. Das ist religiös. Und dann kommt da manchmal noch eine Geschichte so wie bei Ostern, dass Jesus auferstand nach seinem Tod, hinzu. Aber eigentlich ist das schon drin im Sich-Aufraffen, das ist ja eigentlich das Gleiche.

Also wird [in der Ostergeschichte] auf eine Person bezogen, was im Hintergrund ohnehin schon im Großen da ist?

Ja, genau. Für mich ist das keine Animosität. Es ist in beiden drin.

Mythen handeln vom Leben selbst

Es ist ein Nebeneinander. Es könnte ja auch noch auf jemand anders bezogen werden, und würde genauso funktionieren.

Genau, die Geschichten gibt es ja auch über Osiris und über andere mythische Persönlichkeiten. Das ist für mich relativ unwichtig, über wen es ist. Letztendlich geht es ja über mich und über jeden.

Über den Menschen, über die Natur …

Die Natur übersteigt uns. Foto: Katrin Oberländer
Die Natur übersteigt uns. Foto: Katrin Oberländer

Ja, genau. Über das Leben selbst eigentlich. Und deshalb kann Natur dabei helfen. Wenn wir jetzt sehen, wie wunderschön alles grünt und blüht und wieder lebendig wird, das ist ja pure Auferstehung. Und das ist mythisch und wunderbar.

Im Mythos kommt eine ganz grundlegende Wahrheit, und es ist ja sehr viel mit Natur verbunden, spielt in der Natur, mit der Natur. Die Natur ist beteiligt als Handelnde sogar. Wie ist die Bedeutung der Natur da drin?

Ja, die Natur ist das uns Übersteigende und in dem Sinne Inbild des Göttlichen. Die Erde ist größer, als wir es sind, und deshalb wird sie als Göttin dargestellt. Das Leben ist größer als wir. Wenn wir sterben, das Leben geht weiter. Es übersteigt uns. Es ist transzendent. Und in dem Sinne ist es ähnlich den Göttern, der Gottheit. Und wir nennen ja eine Gottheit auch etwas uns Übersteigendes, etwas größer als wir. Und deshalb, die Natur ist ein perfektes Bild dafür. Sie hält uns am Leben, ohne Natur kein Leben. Was wollen wir mehr.

Wir leben die Mythen

Was ich sehr schön finde, ist der Mythos von der Schatzsuche. [Davon] gibt es viele Märchen, die ja auch eigentlich Mythen sind. Für mich sind die sehr ähnlich. Der junge Mensch, der rausgeht, um einen Schatz zu suchen. Das tun wir ja alle. Wir wollen alle etwas Schönes im Leben finden, was unser Leben lebenswert macht. Ob das nun eine Liebe ist oder Karriere oder Familie oder einen Krieg gewinnen oder was auch immer oder ein Kunstwerk machen, etwas, was für uns wertvoll ist. Und wir machen uns alle auf die Suche. Das ist so was, was zum Leben gehört. Und ich finde, das ist ein lebendiger Mythos.

Wenn man ihn so erzählt, dass die anderen auch verstehen: Das ist nicht was Altes, sondern das findet jetzt statt.

Jetzt, ja. Ich mach es ja selber, du machst es, wir machen es alle. Wenn ich meine Wohnung hier schön einrichte, dann lebe ich den Mythos der sicheren Höhle sozusagen. Oder wenn ich rausgehe, oder ich schreib ’nen Buch, dann ist das die Schatzsuche. Ich suche etwas, das größer ist, als ich es bin, und gebe dem eine Gestalt. Und es ist gleichzeitig auch der Mythos der Geburt des Großen, etwas größer als ich. Ein Buch überdauert mein Leben, wenn es gut ist.

Also, ich kann mich damit in etwas Größeres hineinstellen, verbinden mit etwas Größerem, sei es geistiger, natürlicher Art. Ich werde ja nicht größer, aber ich gebe etwas mit hinein in etwas Großes.

Etwas Größerem Gestalt geben. Foto: Katrin Oberländer
Etwas Größerem Gestalt geben. Foto: Katrin Oberländer

Ja, genau. Und es gibt immer Schätze für uns zu entdecken. Letztendlich müssen wir gar nicht weit dafür gehen, letztendlich finden wir sie ja in uns selbst.

Eigentlich kann ich damit ja auch ein Zuhause finden. Also ich kann mich in etwas einfinden und auch zu Hause sein.

Ja, genau. Und dann lebst du die beiden Mythen.

Jetzt kommen in Mythen ja auch Göttinnen und Götter gerne vor …

Ja, weil sie größer sind als wir. Und die machen dann ihr Ding, gut oder nicht gut, und darüber werden dann die Geschichten gewoben. Ja, und in den Märchen sind es dann die Prinzen und Prinzessinnen und Könige und Zauberer. Aber es ist eigentlich eine etwas einfachere Weise, etwas darzustellen, als in den Mythen. Die Mythen sind erhabener: Götter, Göttinnen. Und in den Märchen sind es dann manchmal auch Schuhmacher oder Hirten oder natürlich auch die Königsfamilie als Inbild des großen Menschheitlichen. (…)

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