Theater Vom kleinen Volke. Erzählerin Iris Schenk

Vom 29.11. bis zum 08.12.2019 gastiert das Theater „Vom kleinen Volke“ auf dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in Siegburg. Mit dabei: detailverliebte Puppen, sagenhafte Geschichten aus dem hohen Norden und die Erzählerin Iris Schenk.

Jedes Requisit birgt eine Geschichte

Wenn Iris Schenk (Jg. 1965) eine Puppe von der Bühne aufnimmt, beginnt die Geschichte, wortreich und unter vollem Körpereinsatz. Während vor dem inneren Auge nordische Schneelandschaften und die wärmenden Strahlen der ersten Frühlingssonne vorbeiziehen, hört das Publikum von den Zwillingen Feuer und Eis. Im Kampf miteinander versinken sie in der schmelzenden Erde und lassen so die Geysire entstehen. Wieder zurück auf der rohen Bretterbühne auf dem Siegburger Weihnachtsmarkt zeigt ein Kind auf eine andere Puppe, und die Begeisterungswelle rollt von Neuem.

Iris Schenk und ihr Mann Oli Loeser (Jg. 1962) vom Theater Vom kleinen Volke haben vor ihrem Bühnenstoff eine nordische Winterwelt aufgebaut. Figuren wie der Steinbeißer, die Wuschpugge oder Loki, der Gott des Wahnsinns, bevölkern sie. Die gelernte Juwelierin hat jede Puppe selbst gefertigt bis ins Detail. Und zu jeder Puppe, jedem Requisit weiß sie eine Geschichte zu erzählen. Das Publikum zeigt auf den Gegenstand, dessen Geschichte es hören will, und bestimmt so das Programm mit. Der Instrumentenbauer Oli Loeser begleitet auf der mittelalterlichen Laute.

Theater Vom kleinen Volke
Theater Vom kleinen Volke. Foto: Katrin Oberländer

Den Wurzeln unserer Sprache auf der Spur

Seit 2003 reist das Theater „Vom kleinen Volke“ mit mobiler Bühne von Berlin aus zu Märkten und Festen bundesweit. Im Gepäck haben die beiden unterschiedliche Bühnendekorationen mit Puppen, Requisiten und den dazugehörigen Geschichten. Jede Bühne entführt in eine andere Welt, sei es in die Welt der Trolle oder zu den christlichen Sagen. Und zu jeder gehören um die 30 Geschichten, aus denen das Publikum frei wählen kann. Keine Vorstellung gleicht der anderen, und das an 30 bis 40 Wochenenden im Jahr.

Was allerdings gleich bleibt, ist die Begeisterung für Sagen und Legenden des frühen Mittelalters. Etwas Besonderes wollte sie machen, sagt die Grimm-Hasserin, Geschichten erzählen, die noch nie jemand gehört hat, zum Staunen bringen und etwas mitgeben, nämlich den Ursprung von Redewendungen, Sprichwörtern oder Namen.

Da ist etwa die Geschichte vom Gott Loki, der die Weisheit vor den Menschen in einem Kürbis verstecken will. Der Kürbis zerbirst in unzählige Stücke. Die Menschen essen das süße Kürbisfleisch, die einen nur mit den Händen, die anderen löffelweise. Das erklärt nicht nur die bekannte Redewendung, sondern auch, warum die Weisheit unter den Menschen so ungleich verteilt ist.

Alte Schätze hüten

Iris Schenk jedenfalls muss Geschichten mit Löffeln gegessen haben. Ihren größten Schatz hat sie bei einer Burgauflösung nach der Wende gefunden: eine alte Bibliothek. Doch auch ihr Publikum ist eine wahre Schatztruhe, gerade die ältere Generation. Nach manch einer Vorstellung hört sie neue Geschichten wie diese über die Zeit.

„Im hohen Norden, wo alle Berge aus Eis sind, gibt es einen Berg aus Bergkristall. Den wird nie jemand entdecken, denn er fühlt sich an wie Eis, und er sieht aus wie Eis, und er ist genauso kalt wie Eis. Aber alle 100 Jahre kommen 100 schwarze Raben zu diesem Berg und wetzen ihre Schnäbel daran. Und wenn der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist eine Sekunde der Ewigkeit vergangen.“

Damit das Publikum die Geschichten nicht nur hört, sondern auch begreift und weitererzählt, darf es die Puppen und Requisiten nach jeder Erzählung in die – „fettfreien und schokoladenfreien“ – Hände nehmen. So sollen Fantasie und Staunen erhalten bleiben, denn das treibt Iris Schenk an: „Wir haben 100 Generationen gebraucht, um zu werden, was wir sind, und wir brauchen nicht einmal zehn, um das alles wieder zu verlieren, weil wir uns nicht die Zeit für Sprache nehmen.“ Keine leichte Aufgabe, die Iris Schenk und Oli Loeser sich da gewählt haben: die Schönheit der Sprache, die Kreativität, die Fähigkeit zuzuhören zu erhalten. Es gelingt ihnen mühelos. (ko)

Theater Vom kleinen Volke
Vom kleinen Volke in Siegburg 2019. Foto: Katrin Oberländer

Wer mit dem Theater „Vom kleinen Volke“ zuhören, staunen und begreifen will, hat dazu noch bis zum 08.12.2019 Gelegenheit auf dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in Siegburg.

Mehr zum Theater Vom kleinen Volke