Jenny Ulbricht. Foto: Ralf Becker

Freies Erzählen lebt von Verbundenheit und Berührung. Wie der heiße Draht zum Publikum funktioniert, erklärt die Stimmtrainerin und Schauspielerin Jenny Ulbricht im Interview. Ein Auszug.

Erzählen lässt uns menschlich sein

Jenny, was ist für Dich Geschichtenerzählen?

[…] Geschichtenerzählen ist etwas vom Wichtigsten, was wir Menschen brauchen. […] Gerade diese Verbundenheit oder Verbindung zwischen Menschen als etwas, was möglicherweise durch schriftliche Medien oder gerade auch durch Internet gar nicht so in dem Sinn erlebbar ist. Weil beim Live-Erzählen ist ja wirklich immer jemand sowohl live da, der erzählt und dessen Stimme ich höre und auch dessen Mimik und Körpersprache ich wahrnehme, als auch, dass ich als Zuhörende live dabei bin und von dieser Energie, die dann da im Raum ist, ja auch angesteckt werde und leibhaftig spüren kann. Denn Stimme ist ja Energie. […]
Es ist etwas, was dann uns wirklich auch menschlich sein lässt und wo jemand ja etwas ganz tief aus seinem Inneren mit den anderen teilt. […] Geschichtenerzählen ist auch wirklich ein ganz individueller Schöpfungsprozess. […]

Was offenbart denn das Erzählen über die Person, die erzählt?

[…] Natürlich zum einen die Geschichte, die jemand auswählt. […] Also ob ich jetzt Rotkäppchen erzähle oder Dornröschen, hat ja möglicherweise damit zu tun: Was treibt mich selber um, womit beschäftige ich mich, was sind Werte für mich? Und was will ich demzufolge auch für Werte in die Welt bringen oder an die Menschen vermitteln, die mir zuhören? […] Dann, wenn wir jetzt mal den Schwenk machen rein von dem Inhalt zu dem, wie erzähle ich oder wie kommt das rüber, was passiert da bei den Zuhörern, wenn erzählt wird. Das macht auch eine Aussage darüber: Bin ich selber auch wirklich in der Verbindung, in der Verbundenheit mit der Geschichte, die ich mir ausgesucht habe? Und gibt es da möglicherweise Themen, die mich in einer Art und Weise berühren, sodass also wirklich das Publikum auch spürt: Boah, das kommt wirklich aus dem tiefsten inneren Sein und Wollen oder Wünschen der Person? Oder aber ist diese Verbindung möglicherweise noch gar nicht so zu spüren für das Publikum, ja, aus unterschiedlichsten Gründen? […]
Etwas, was ich so essenziell im Leben finde, ist, Berührung zu schaffen. Und Geschichten, boah, das ist so ein, vielleicht das großartigste Mittel, um Berührung zwischen Menschen zu schaffen. […]

Es gibt zig Arten zu sagen: „Kannst Du bitte mal den Mülleimer rausbringen?“ Jede transportiert eine andere Emotion durch die Stimmenergie.

Erzählen will berühren. Foto: Katrin Oberländer
Erzählen will berühren. Foto: Katrin Oberländer

Interesse entsteht aus Berührung

Was ist es genau, was da berührt?

Es ist die Verbundenheit genau mit dem, worum es in dieser Geschichte geht, ja, also was die Aussage dieser Geschichte ist und was dieses Thema mit der Erzählerin oder dem Erzähler zu tun hat. […] Und dann kommt das, was da im Innen ist, das kommt ja über die Stimme dann nach außen. Also ist aus meiner Perspektive das zweite, was diese Berührung auslöst, die Stimme und die Stimmenergie demzufolge auch. […]
Meiner Meinung nach entsteht dann ein Interesse, dranzubleiben und weiter zuzuhören, wenn Berührung stattfindet.

Es geht nicht um gutes, sondern um interessantes, berührendes Erzählen

Was macht berührendes Erzählen aus?

[…] Also diese drei Dinge finde ich ganz wichtig, um berühren zu können: Ich bin in der Verbindung mit mir, bin in meiner Berührtheit. Ich bin in Verbindung mit dem Thema der Geschichte oder dem, was ich erzähle. Und ich bin in der Verbindung und Berührtheit mit meinem Publikum.
Wenn wir jetzt mal dann auf die etwas „technischere“ Ebene gucken, dann gibt es natürlich bestimmte Parameter, wie Stimme und Körpersprache auch so eingesetzt werden können oder so durch uns durchfließen können, dass die Berührung entsteht. Ja, also es braucht einen lockeren Körper, einen Körper, der in einer Entspanntheit ist und gleichzeitig aber auch so viel Gespanntheit beinhaltet, dass er nicht schlapp oder schlaff oder desinteressiert ist. […]
Berührung braucht auf der nächsten Ebene auf jeden Fall den Atem, weil Anspannung und eine Nichtverbundenheit mit sich oder mit dem Thema oder mit dem Publikum auf jeden Fall auch im Atem sich ablagert. […] Wenn die Stimme das Medium ist, auf dem das rauskommt, was ich sagen möchte, dann ist der Atem […] die Grundenergie, damit Stimme überhaupt entstehen kann. Und wenn der fest ist, hektisch ist, nicht tief ist, nicht wirklich in ein erfülltes Atmen geht, dann hat das einen Einfluss darauf, ob die Berührung sich auch transportiert. […]

Wo Schwingung und Herz zusammentreffen, sprechen wir im Brustton der Überzeugung

Um berühren zu können, brauche ich auf jeden Fall erst mal einen Stimmklang, den ich so gerne die Heimathafenstimme nenne, wo meine Stimme in einer Tiefe schwingt, die in Verbindung ist mit mir. Und diese Tiefe löst dann bei den Zuhörern auch grundsätzlich überhaupt erst mal ein Vertrauen aus, ein: Ah, okay. Eine Art von: Ich lasse mich davon überzeugen, dass die Person mir etwas zu sagen hat, das für mich interessant sein kann. […]
Für mich gehört so zu dem Berühren aber auch dazu, dass ich ausgehend von diesem Grundstimmklang auch Varianten drin habe. […] Das heißt, hier kommt auch dazu, die Berührtheit in unterschiedlichen Farben und Facetten rüberzubringen, die sich ausdrücken dann durch ein unterschiedliches, wechselndes Sprechtempo, eine wechselnde Lautstärke, einen unterschiedlichen Umgang mit Melodie und Betonung. Also wirklich dem Rhythmus und dem Flow dessen zu folgen, worum es gerade in dem nächsten Satz geht. […]

Wir sind erzählende Wesen mit Händen und Füßen

Und der letzte Fakt, der für mich dann da eine Rolle spielt, um zu sagen: Ich kann berühren, ist auch das, was dann der Körper über die Körpersprache, also über die Körperhaltung, über Dinge, wie ich mich möglicherweise als Erzählende im Raum bewege, und auch natürlich über Mimik und Gestik [transportiert; d. Red.]. […]
Primär ist das für mich erst mal, der Energiefluss muss von der Person von innen nach außen, das muss stimmig sein. […]

Tipps für Erzählende: Jenny Ulbricht (2/2)

Bildnachweis: Ralf Becker