Eine eigene Welt. Foto: Gerwin Belling

Stimmtrainerin und Performance Coach Jenny Ulbricht teilt im Interview ihre Erfahrungen, wie Erzählen gelingen kann. Ein Auszug.

Eine gefühlt ewig lange Pause

Hast Du irgendwelche Tipps für Menschen, die erzählen, was ihnen da hilfreich sein kann?

[…] Dass ich mir selber Zeit gönne, Satz für Satz zu erzählen. Und zwischen den einzelnen Sätzen ausreichend erst mal Raum lasse dafür, dass der Satz im Hirn verarbeitet werden kann, dass ich ihn aus mir entlassen kann, dass in mir ein Moment von Leere sein kann und dass dann in mir die Entscheidung passieren kann: Oh, ich möchte jetzt gerne den nächsten Gedanken teilen. Und dass dann als Reaktion darauf der nächste Atem einströmen kann. […]

Jeder Satz ist eine eigene Welt

Dann ist der nächste wichtige Schritt, wirklich auch zu sagen: Was passiert in dem Satz? Worum geht es in dem Satz? […] Dass wir allmählich lernen, all diese Ausdrucksmittel oder, wie ich sie nenne, unsere Erzähler, die wir haben, also sprich die Stimme, den Körper, den Wechsel von Tempo, von Melodie und Betonung, dass die sich dem, was in dem Satz passiert, anpassen und dann dieser Flow entsteht. Sodass jeder Satz also wirklich wie seine eigene kleine Welt ist, und wir diese kleinen eigenen unterschiedlichen Welten dann Stück für Stück zusammensetzen zu der ganzen Geschichte. […]

Auch mal im Liegen erzählen, den Kopf ausschalten

Wir schaffen in dem Moment, wo wir uns auf den Rücken legen, auf den Boden, die Verbundenheit mit unserer Bauchinstanz, mit unserer Intuition und auch dem Herzen wieder her. Das sind so wichtige Instanzen, die wir also wirklich brauchen fürs Erzählen, weil wir ja gerade im Erzählen nicht nur den Inhalt transportieren wollen, sondern Bilder, Emotionen, Entwicklungen, die die Figuren durchmachen, Dinge, die sie durchleben. Und dafür brauchen wir natürlich selber auch unsere Fühlinstanzen beim Erzählen. […]

Sich Zeit gönnen. Foto: Katrin Oberländer
Sich Zeit gönnen.
Foto: Katrin Oberländer

Besonders hilfreich bei Lampenfieber: den Fokus zum Publikum

Lampenfieber, da drehen wir uns ja quasi wie im Kreislauf um uns selber, sind beschäftigt mit den Symptomen, die da auftauchen […]. Immer wieder da rauszukommen, indem ich mich genau fokussiere auf die Leute, denen ich etwas erzähle. Also ich nenne das das dialogische Prinzip, immer wieder aus dem Dialog, mit mir auszusteigen, weil das bringt mich ja nirgendwo hin. […] Über die Augen den Dialog [mit dem Publikum; d. Red.] aufzubauen und mir da etwas abzuholen, was mich selber wieder bestärkt dadrin zu sagen: Es ist okay, dass ich hier bin. […]

Als Erzählerin habe ich eine Rolle, klar. Was ist denn die Rolle der Zuhörenden in diesem Dialog?

[…] Natürlich ist es schön für mich als demjenigen, der da alleine vorne steht und jetzt etwas geben möchte den anderen, wenn ich Reaktionen bei meinem Publikum sehe, die mich bestärken in dem. […] Und gleichzeitig, finde ich, ist es nicht die Aufgabe des Publikums, mir das zu geben. […]
Also wir sind miteinander in einem System, und ich darf davon ausgehen, dass 50 Prozent von dem, was da passiert in diesem Moment des Erzählens und das, was ich auslöse bei meinen Zuhörern, dass 50 Prozent davon von mir kommen und mit mir zu tun haben. Und die anderen 50 Prozent kommen von den anderen, und das darf ich aber dann auch da lassen. […]

Für mich ist dann so das Fazit: Ich erzähle, was ich erzählen möchte, was mich berührt, von ganzem Herzen, und vertraue darauf, dass die anderen das schon nehmen, zu nehmen wissen werden. Dass es schon ankommen wird.

Ja, und vielleicht kommt nicht alles bei allen an. Oder vielleicht ist auch jemand im Publikum, bei dem gar nichts ankommt. […] Das ist nicht meine Verantwortung, auf jedenFall nicht zu 100 Prozent. […]

Das Risiko der Verletzlichkeit eingehen

Liebe Jenny, ich danke Dir, auch für die Offenheit, mit der Du so Deine Erfahrung und Dein Erleben teilst.

[…] Nicht nur Offenheit, sondern vielleicht das noch als ein wichtiger Punkt, den ich vorhin gar nicht so gesagt habe. Also es geht immer wieder darum, dass wir uns auch verletzlich zeigen dürfen als Erzähler oder, wann immer wir mit Menschen zu tun haben, an die wir etwas an Inspiration weitergeben. Berührung kann nur dann passieren, wenn ich riskiere, verletzlich zu sein. Wenn ich riskiere, auch zu scheitern, ja, auch sich scheiternd zu zeigen oder die Möglichkeit einzukalkulieren ist eine Art von Verletzlichkeit. Und gleichzeitig lässt das aber auch Mauern fallen, die möglicherweise zwischen mir und meinem Publikum stehen, also die quasi Verbundenheit und Berührung gar nicht entstehen lassen könnten. […]

Das Publikum denkt oft besser über uns als wir selbst

Also da dürfen wir gerne auch immer wieder noch reingehen in das, davon auszugehen, dass wir viel besser sind und schon viel mehr können und schon viel mehr genügen als das, was wir glauben.

Ja, und es macht auch Mut, sich zu zeigen und nicht erst auf den Moment, wenn wenn wenn, dann darf ich mich zeigen, zu warten, sondern zu sagen: Ich nehme alles zusammen, was da ist, und zeige mich damit. ‒ Ja, ja. ‒ Und erwarte dann auch durchaus hoffnungsfroh die Resonanz. ‒ Genau. ‒ Vielen Dank für die Ermutigung.

Ich möchte mich bei Dir bedanken für die Möglichkeit, auch mal in diese einerseits Tiefe dessen zu tauchen, was ich ja tagtäglich mit Menschen tue, und nicht nur die Tiefe, sondern auch auf diese Metaebene, es mal in Worte zu bringen und rüberzubringen in Sätze. […] Und deswegen vielen Dank, dass ich die Möglichkeit hatte, mit Dir mir dessen, was ich für Menschen und mit Menschen so wahnsinnig von Herzen gerne tue, mir dessen viel mehr bewusst zu werden. Danke, Katrin.

Das Interview führte Katrin Oberländer am 27.11.2019. (ko)

Erzählen will berühren: Jenny Ulbricht (1/2)

Das Interview zum Nachhören (38:50 Minuten, 17,7 MB)

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